Unterbrechen und unterbrochen werden

Wer kennt das nicht? Man sitzt im Kreis der Familie und führt gerade eine lebhafte Diskussion, und immer wenn man etwas sagen möchte, fällt einem der Vater oder die Schwester ins Wort. Nach drei oder vier solcher Unterbrechungen kommt einem dann die Galle hoch und man verschafft sich lauthals Gehör, dass man vielleicht auch mal etwas sagen möchte!

Unterbrechung im Gespräch, mitten oder sogar direkt am Anfang des Gesagten, gibt es im Alltag häufig. Dabei steigt die Wahrscheinlichkeit für Unterbrechungen, je besser man seine Gesprächspartner kennt, z.B. im Familienkreis oder unter Geschäftskollegen, Menschen die man gut kennt. Denn wer unterbricht schon gerne einen Fremden, z.B. am Telefon? In aller Regel gilt solches nämlich als sehr unhöflich, und meistens hat der andere ja auch etwas wichtiges zu sagen (sonst würde man ja nicht miteinander sprechen).

Was also kann man tun wenn man sich in einer Situation wiederfindet in der man wiederholt in den eigenen Sätzen unterbrochen wird, und man sich mal wieder so richtig darüber ärgert? Denn oft sind es ja die gleichen Menschen die uns immer wieder und manchmal auch systematisch unterbrechen. Denn jemanden im Satz zu unterbrechen demonstriert Überlegenheit, genauer gesagt wird damit ausgedrückt: „Meine Gedanken und was ich zu sagen habe sind wichtiger als deine.“ Genauso demonstriert aber auch das sich-unterbrechen-lassen etwas: „Meine Gedanken und was ich zu sagen habe, sind es nicht wert angehört zu werden.“

Warum spricht man miteinander? In der Regel um etwas auszutauschen, z.B. Information oder Meinungen, manchmal natürlich auch Belanglosigkeiten. Eine Unterbrechung ist also immer ein Zeichen, dass der Unterbrechende das Gesagte gerade für unwichtig erachtet, zumindest unwichtiger als die eigenen Gedanken. Und wer könnte das verübeln, denn für wen sind die eigenen Gedanken nicht das absolut relevanteste und wichtigste auf der Welt? Nun stellt sich natürlich die Frage, wie kann der Unterbrechende wissen ob das Gesagte unwichtig ist, denn er lässt sein Gegenüber ja gar nicht ausreden?! Es muss also angenommen werden, dass der Unterbrecher annimmt, sein Gegenüber könne gar nichts relevantes sagen.

Umgekehrt gibt der Unterbrochene mit jeder erfolgreichen Unterbrechung zu, dass, was er zu sagen hat ja auch nicht so wichtig war. Mithin also ein Zeichen, dass er sein eigenes Gesagtes für wenig relevant hält. Womit sich natürlich die Frage stellt warum er denn dann überhaupt gesprochen hat.

Unterbrechungen können als Mittel zur Dominanzausübung eingesetzt werden, und zum Zementieren gesellschaftlicher Hierarchien. So kann z.B. der Chef seine Mitarbeiter immer wieder systematisch unterbrechen, sich selber aber niemals ins Wort fallen lassen, indem er jedes Mal die Stimme hebt sobald es ihm jemand gleich tut. Dies drückt im Grunde aus: „Ich bin der Chef, und meine Ansichten und Gedanken sind hier was zählt.“

Selbst jemand anderen zu unterbrechen fühlt sich in der Regel wichtig und bestätigend, ja sogar natürlich an, wenn es entlang einer sozialen Hierarchie und im Einklang mit gesellschaftlichen Gepflogenheiten geschieht. Entgegen einer Hierarchie zu unterbrechen (z.B. den Chef), oder entgegen gesellschaftlicher Gepflogenheiten (z.B. während einer Rede), erfordert dagegen Überwindung und kann sich komisch anfühlen, da man damit immer gleichzeitig auch die Hierarchie für alle beteiligten hör- und spürbar in Frage stellt. Unterbrochen zu werden kann einem gleichgültig sein, was die volle Akzeptanz der implizierten Dominanz voraussetzt. Oder es verärgert, wenn die implizierte Dominanz nicht anerkannt wird.

Wenn du dich also nächstes mal dabei ertappst, wie du jemandem unbewusst ins Wort fällst, so frage dich: „Ist es wirklich unwichtig was mein Gegenüber mir sagen will?“ Und umgekehrt, wenn dir mal wieder jemand ins Wort fällt, frage dich: „Ist es wirklich nicht wichtig was ich meinem Gegenüber gerade zu sagen habe?“ Und dann, höre entweder aufmerksam zu was der andere zu sagen hat, oder sprich zu Ende im Bewusstsein, dass das, was du zu sagen hast, auch wirklich wichtig ist.

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